Nicht das kalendarische Alter allein entscheidet über Gesundheit und Leistungsfähigkeit im Alter, sondern vor allem der Lebensstil und die Mikronährstoffversorgung. Dr. Felix Kerlikowsky, Oecotrophica-Preisträger 2024, hat in einer klinischen Studie selbstständig lebende, körperlich aktive Menschen über 70 Jahre untersucht – mit überraschenden Ergebnissen zur Mikronährstoffversorgung, Herz-Kreislauf-Gesundheit und Entzündungsprozessen im Alter.
- Viele gehen davon aus, dass bestimmte Nährstoffe im Alter generell als kritisch betrachtet werden sollten. Was hat Sie in dieser Hinsicht in Ihrer Studie besonders überrascht und was bedeutet das für den Alltag gesunder Senioren?
Die Annahme einer kritischen Nährstoffversorgung im Alter stützt sich vorwiegend auf Studien mit pflegebedürftigen bzw. stationär betreuten älteren Menschen. Bei diesen Personengruppen können altersassoziierte Veränderungen, wie beispielsweise Magenschleimhautentzündungen, eine verminderte Vitamin-D-Eigensynthese über die Haut sowie das Phänomen der „Anorexia of Aging“, bei dem Nahrung weniger und stärker selektiert aufgenommen wird, zu einem höheren Risiko für Nährstoffdefizite führen.
In unserer Studie wählten wir bewusst selbständig lebende und noch relativ körperlich aktive Menschen aus, die chronologisch als alt gelten können, sich in ihrem biologischen Alter jedoch selbst als deutlich gesünder beschrieben als Gleichaltrige. Ein weiteres wichtiges Einschlusskriterium war, dass die älteren Menschen keine Nahrungsergänzungsmittel vor der Studienteilnahme verwendeten. In diesem speziellen Kollektiv konnten wir feststellen, dass die Versorgung mit typischerweise kritischen Nährstoffen wie Vitamin D, Vitamin B12 und Folsäure überwiegend ausreichend war. Dennoch: Selbst in diesem Kollektiv älterer Personen mit einem ausgeprägten Gesundheitsbewusstsein hatte etwa jeder Zehnte einen unzureichenden Status in den Vitaminen D, B12 und Folsäure. Bei Nährstoffen wie langkettigen mehrfach ungesättigten Omega-3-Fettsäuren, die auch in der Allgemeinbevölkerung oft nicht in wünschenswerter Menge zugeführt werden, stellten wir auch bei diesen älteren Menschen einen überwiegend nicht wünschenswerten Versorgungsstatus fest.
Für den Alltag von Senioren zeigt sich, dass ein ausgeprägtes Gesundheitsbewusstsein mit einem überwiegend guten Nährstoffstatus einhergeht, aber auch hier Defizite möglich sind. In dieser Studie bleibt unklar, ob der gute Nährstoffstatus Ursache oder Folge der hohen Selbständigkeit ist. Andere Untersuchungen deuten jedoch darauf hin, dass ein adäquater Nährstoffstatus das Risiko bestimmter Erkrankungen, wie Herz-Kreislauf-Erkrankungen, verringern und das Altern langsamer ablaufen lassen kann. - Trotz guter Vitaminversorgung hatten viele Studienteilnehmer erhöhte Homocysteinwerte. Warum ist das relevant und was lässt sich daraus für die Herz-Kreislauf-Gesundheit ableiten?
Im Alter laufen viele Prozesse langsamer und weniger effizient ab, auch der Metabolismus (Stoffwechsel). Auf zellulärer Ebene entsteht weniger Energie, während sich Zwischenprodukte ansammeln. Ein solches Produkt des Aminosäurestoffwechsels ist Homocystein, das in höheren Konzentrationen zur Entstehung neurologischer und kardiovaskulärer Erkrankungen beitragen kann. Mikronährstoffe wie die Vitamine B12, B6 und Folsäure wirken als essentielle Cofaktoren und sind unter anderem am Abbau bzw. der Umwandlung von Homocystein beteiligt; ein Mangel, insbesondere an B12 oder Folsäure, kann zu dessen Anhäufung führen.
In unserer Studie konnten wir zeigen, dass bei älteren Menschen selbst bei überwiegend ausreichender Versorgung mit Vitamin B12 und Folsäure mehr als die Hälfte der Senioren erhöhte Konzentrationen an Homocystein aufwiesen. Darüber hinaus konnten wir zeigen, dass die zusätzliche Gabe von Mikronährstoffen wie Vitamin B12, Vitamin B6 und Folsäure in Kombination mit langkettigen Omega-3-Fettsäuren die Homocystein-Konzentrationen signifikant senken konnte. Inwiefern dies nachgelagerte gesundheitliche Vorteile zum Beispiel für die Herz-Kreislauf-Gesundheit mit sich bringt, muss weiter erforscht werden. Die Studienergebnisse fügen sich in die aktuelle wissenschaftliche Diskussion ein, in der zwischen normalen und optimalen Werten gesundheitsrelevanter Parameter differenziert wird. Es besteht jedoch noch weiterer Forschungsbedarf, um die Vorteile optimaler Werte gegenüber normalen Werten hinsichtlich der tatsächlichen Risikoreduktion von Herz-Kreislauf- und anderen altersassoziierten Erkrankungen zu evaluieren. - Ihre Ergebnisse zeigen positive Effekte einer Nährstoffintervention/zusätzlichen Zufuhr von Mikronährstoffen durch Nahrungsergänzungsmittel und dies insbesondere bei Hochaltrigen. Welche Empfehlungen für ältere Senioren lassen sich daraus ableiten?
Im Alter treten viele Erkrankungen und Infektionen häufiger auf, während die Schutzwirkung von Impfungen abnimmt. Ein diskutierter Grund ist die Abnahme der Immunfunktion im Alter, die einerseits mit einer verminderten Funktionalität der Immunzellen (Immunoseneszenz) bei der Erregerabwehr und andererseits mit einer niedrigschwelligen Überreaktivität (Inflammaging) einhergeht. Insbesondere das Inflammaging wird immer wieder diskutiert, den Alterungsprozess zu beschleunigen und das Risiko für eine Reihe von Erkrankungen zu erhöhen.
In unserer Studie konnten wir mithilfe eines inflammatorischen Summenmarkers zeigen, dass diese subtilen, analytisch schwer zu erfassenden niedrigschwelligen Entzündungsprozesse innerhalb unserer Kohorte mit älteren Menschen graduell verlaufen. Dabei zeigte sich, dass die Entzündung bei Hochaltrigen (über 80 Jahre) stärker ausgeprägt war. Die zusätzliche Einnahme von antiinflammatorischen Mikronährstoffen in Kombination mit langkettigen, mehrfach ungesättigten Omega-3-Fettsäuren führte in unserer Studie zu einer messbaren Verringerung dieser Entzündungsprozesse.
Die stärksten Effekte im Hinblick auf die Reduktion der Entzündungen zeigten sich bei Personen über 80 Jahren sowie bei Personen mit einer geringeren Ernährungsqualität vor der Intervention. Welche Mikronährstoffe maßgeblich für die entzündungshemmende Wirkung verantwortlich waren, konnte die Studie nicht aufzeigen. Omega-3-Fettsäuren haben sich jedoch auch in anderen Studien als wirksam bei der Senkung und aktiven Beendigung von Entzündungsprozessen erwiesen. Auch in unserer Studie korrelierte der Anstieg der Versorgung mit Omega-3-Fettsäuren signifikant mit der Reduktion der Entzündung.
Für personalisierte Empfehlungsansätze bedarf es weiterer Forschung mit größeren und heterogeneren Kohorten. Beobachtungsstudien könnten darüber hinaus Auskunft darüber geben, welche langfristigen Effekte auf die Gesundheit sich aus einer Reduktion des verwendeten inflammatorischen Summenmarkers ergeben.
Der OECOTROPHICA-Preis wird vom Berufsverband Oecotrophologie vergeben und durch den Lebensmittelverband Deutschland gesponsert. Die Bewerbungsfrist für den OECOTROPHICA-Preis 2026 läuft noch bis zum 20. März 2026. Weitere Informationen unter:
https://www.vdoe.de/studieren/foerderpreise-und-stipendien/oecotrophica-preis/.

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